Kann man in Venedig Kanu fahren?

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Wie entstand die Kanu-AG?

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Im Jahr 1982 kam Wolfgang Hacke in einem privaten Kanuurlaub auf der Ardèche (Südfrankreich) die Idee, mit Lernenden Kanu zu fahren. Seine Frau Renate fuhr damals zum ersten Mal Kanu. Wolfgang hatte Renate für den Fall der ihrer ersten Kenterung gesagt: „unbedingt das Brett und das Paddel festhalten!“ Wer schon einmal gekentert ist, weiß, dass es nicht so einfach ist. Wie sollten bei solchen „Empfehlungen“ die ersten Touren aussehen?

Die fixe Idee wurde 1983 mit einer Kursfahrt auf der Diemel in die Tat umgesetzt. Natürlich gab es damals noch nicht genügend Kanus – eigentlich nur ein privates Kanu von Wolfgang und Renate - daher lieh Wolfgang sich alles Equipment von überallher zusammen, einschließlich improvisierter „dichter“ Säcke für Kleidung. Nachdem gelungenen Start folgte eine Sommertour auf der Ardèche in Frankreich. Damals wurde noch in kleinen Häusern in einem Bungalow-Park übernachtet und ein einziges Küchenteam kochte für alle Mitfahrenden. Erst am Morgen wurde überlegt auf welchen Flussabschnitt gefahren werden kann.

Nachdem 1984 auf der Loire richtig Kanuwandern stattfand und 1985 wieder in Häusern übernachtet wurde, entschied sich Wolfgang für das Kanuwandern als Dauerlösung. „Ich war es leid, jeden Tag mit dem Auto (trotz Faible für dieses Fortbewegungsmittel) fahren zu müssen!“ Durch das Kanuwandern ohne Begleitauto wurde ab jetzt alles zum Übernachten, Kochen sowie die Wechselkleidung mitgenommen. Ebenso müssten die Schülerinnen und Schüler jetzt alles selbstständig machen, bei täglich wechselndem Kochteam. Probleme gab es gelegentlich, wenn Väter mitfuhren (halber Scherz), weil die ohne Ehefrauen kaum pädagogische Korrektur annahmen. Manche meinten sogar, sie brauchten sich nicht an Essensbeginnzeiten zu halten.

Gab es wichtige Einschnitte bei der Kanu-AG?

Seit 1985/86 galt die Kanu-AG auf Grundlage einer Vereinbarung mit der Bezirksregierung als ein (quasi) Verein. Die AG wurde aus Haftungs- und Versicherungssicht wie ein e.V. geführt. Dieses Konstrukt war vor allem für die Touren quer durch Europa eine Geste aus der Behörde, die eigentlich für bürokratische Absicherung bekannt war bzw. ist.

So um 1998 kamen Menschen mit Behinderungen aus Villa Keller mit. Die Mutter einer Schülerin hatte gefragt, ob wir Personen aus der Villa mitnehmen könnten. Besonderer Dank gilt der inzwischen verstorbenen Ursulinenschwester Angela Johanna, die der Zusammenarbeit sehr aufgeschlossen war. Für die nicht nur mobil eingeschränkten Bewohner/Mitfahrer war es schon eine Herausforderung, außer dem Fahren im teilweise sehr bewegten Flusswasser sich in unebenem Gelände zwischen den Zelten zu bewegen. Später wurde es schwieriger, da nicht jeder Zivi sofort erkannte, dass zusätzliche Herausforderungen den Charakter ungemein stärkten, machmal auf lange Sicht. Es bestehen weiterhin Kooperationen.

Wie war es noch einmal mit dem Festfahren von Autos?

1986 war die Kanu-AG in Griechenland auf dem Pinios (Peneios) unterwegs. Es war die erste Wandertour zu Ostern, dies bedeutete viel Regen und eigentlich war alles nass. Die Sachen wurden damals zum Trocknen in einer Ziegelei eines Bekannten von Manfred Nitschke (anderer abenteuerhungriger Lehrer an der GSW, bekannt für seine Wandertouren „Hellas extrem“) aufgehangen. Wolfgang konnte es natürlich nicht dabei belassen den Tag in Ruhe ausklingen zu lassen. Daher musste wie immer in einer abendlichen Aktion „mal eben“ nach einer Einstiegsstelle für den nächsten Tag geguckt werden.

Ärgerlich (im Nachhinein Erweiterung des Anekdoten-Schatzes), wenn man sich dabei am Flussufer im Sand festgefahren hat. Der erste Retter hatte sich ebenfalls mit einem kleinen LKW festgefahren. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde aus einer kleinen abendlichen Ausfahrt ein abendfüllendes Programm. Erst mit einem Caterpillar konnten beide Fahrzeuge vom Flussufer befreit werden.

Da sich Wolfgang mal öfters festgefahren hatte, gibt es noch einiges mehr zu berichten. So mussten auf der Suche nach einer Zeltstelle auf einem Feld auch mal die Fußmatten gegen den Schlamm helfen oder die Mittelbretter aus den Kanus untergelegt werden. Ebenso ist oftmals aktives Schieben der Mitfahrenden schwer erwünscht. Geist und Muskeln bilden eine Einheit.

Wer hat die Routen zur An- und Abreise ausgewählt?

Scheinbar keiner! So kann man mit einem semi-neuen VW-Bus mit 70 PS, vollbesetzt und mit schwerem Anhänger über den Dolomitenpass nach Italien fahren. Das soll auch heute noch gehen! Natürlich waren wir ein Verkehrshindernis hochhundert, hoch sind wir mit 30 Km/h geschlichen und die Motorradfahrer waren nicht begeistert. Bergab mussten wir natürlich regelmäßig die Bremsen und den Motor am Straßenrand kühlen. Wir halten fest: die stark geschlängelte Strecke auf der Karte soll ist die kürzeste Route sein, aber nicht für die Kanu-AG.

Das Übertreiben bei Bergauf- und Abfahrten wird am Ende auch mit Kupplungsbrüchen bestraft. Auf der Griechenlandtour 2007 wurde der Bulli bei Monemvasia so stark beansprucht, dass in Griechenland der 1 und 2 Gang nicht mehr funktionierte. Der Bulli musste auf der Rückfahrt in Venedig von der Fähre geschoben werden und schaffte es nach Zwischenaufenthalt in einer italienischen „Künstler“-Werkstatt noch bis nach Bayern. Ab da musste er abgeschleppt werden, da die restliche Kupplung den Geist aufgegeben hatte - so ist es mit dem Material. Menschen halten bekanntlich mehr aus.

Hat wer die Reifen kontrolliert?

Auf dem Weg nach Frankreich 2022 wurden vorher alle Reifen am Anhänger aufgepumpt, aber nicht weiter begutachtet. Auf halber Strecke hat ein Reifen Luft verloren, eigentlich ein einfaches Problem, was sich mit dem Ersatzreifen beheben lässt. Eher problematisch, wenn jemand schon einmal auf die Idee gekommen ist, den Reifen zu tauschen. Der Ersatzreifen hatte also auch einen Platten. Bei der Begutachtung aller Anhängerreifen, stellten wir den eigentlich schlechten Zustand fest. Es half nichts, es mussten an einem Samstag um 7:00 Uhr morgens 5 neue Reifen her. 4 Reifenhändler und 4 Stunden später, hatte die Kanu-AG 5 neue Reifen und konnte die Fahrt fortsetzten.

Wie konnte der Anhänger nur umkippen?

Selten kam es vor, dass Anhänger umgekippt sind. Die Gründe sind relativ einfach: Ein übersehender Stein, wo der Anhänger hängen bleibt oder ein ungünstiger Kurvenradius an einem Graben. Es hilft nichts, der Anhänger muss abgeladen, aufgerichtet und neu beladen werden. Ach so! Die Brückenhöhe sollte kontrolliert werden, so kann es sein, dass man mit dem Anhänger an der Brücke hängen bleibt. Zum Glück haben der Anhänger und die Brücke es unbeschadet überstanden. Ebenso wurde die Höhe der Brücke auch schon einmal nur knapp unterschätzt und für ein paar Zentimeter wurde Luft auf den Reifen gelassen – was man halt so tut.

Einreise verboten?!

Bei der Einreise nach Portugal sollte Wolfgang sein Diplom für die Einreise vorzeigen. Die Grenzpolizei konnte nicht glauben, dass ein Mann mit Latzhose und Bart ein Lehrer sei (aus südeuropäischer Perspektive ein wenig verständlich), welcher auch noch eine Jugendgruppe leiten könne. Ein Lehrer müsse Anzug und Krawatte tragen. Richtig, sagte Wolfgang schon damals.

In Kroatien ist es uns schon mehrmals gelungen eine größere Gepäckkontrolle zu umgehen. Zum einem ist es die schiere Masse an Gepäck, welche wir in den zwei Anhänger transportieren. Zum anderen ist vor allem der Gepäckanhänger so schlecht gepackt, dass der Grenzpolizei regelmäßig die Sachen entgegenkommen oder sie vor eine Wand aus Reisetaschen schauen. Scheinbar wirkt dies abschreckend genug. So gelang es auch vor der Wende, Schüler (vereinzelt) unter einer Decke zu transportieren, wenn Mutter den Ausweis nicht mitgegeben hatte.

Wie kann man nur Boote verlieren?

Die Boote anbinden oder an einen höheren Platz ziehen lohnt sich!

In der langjährigen Geschichte der Kanu-AG ist leider auch das ein oder andere Boot abhandengekommen. So wurden in Portugal die Boote zwar etwas höher gezogen, aber durch Regenfälle im Oberlauf wurde mehr Wasser im Stausee abgelassen und die Boote wurden mitgerissen. Was folgte ist typisch Kanu-AG Gesamtschule Wulfen: Es wurde davon in der Zeitung berichtet und mit ein wenig Hilfe konnten wenigstens ein paar Boote mit Unterstützung der portugiesischen Grenzpolizei gefunden werden. Einige blieben auch verschwunden.

In Griechenland brauchte man 1986 für die Ein- und Ausfuhr der Boote Dokumente. Problematisch wird es, wenn die Anzahl der Boote, die ausgeführt werden, nicht mit der Anzahl der Boote übereinstimmt, die auf dem Anhänger sind. In Griechenland war ein Boot „abgesoffen“ und somit hatten wir ein Boot zu wenig. Manfred Nitschke sollte sich darum kümmern, dass die Polizei dies bestätigt, damit es keine Probleme bei der Ausreise gab. Da die Polizeiwache noch geschlossen war, spielte Manfred mit seiner Gitarre griechische Lieder vor der Polizeiwache und wurde so zum Highlight der Bewohner. Später bescheinigte der Polizeichef das Fehlen des einen Bootes. An der Grenze stellte sich aber heraus, dass ein Boot zu wenig bei der Einreise eingetragen wurde. Zum Glück merkten es die Grenzer nicht.

Auch 2021 in Österreich an der Drau wären die Boote fast weggeschwommen. Die Boote wurden auf eine höher gelegene Kiesbank gezogen und „natürlich“ nicht festgemacht. Da es im Oberlauf der Drau stark regnete, stieg der Pegel der Drau um einen halben Meter an. Nur durch Zufall wurde dies bemerkt und die Boote drei Meter höher gebracht. Am Ende genau die richtige Entscheidung, sonst wären die Boote wie in Portugal abhandengekommen.

Wo war noch einmal der Supermarkt?

Eine kurze Anmerkung vorweg: Wo der nächste Supermarkt ist, lässt sich heute mit Handy und Co. gut herausfinden, ebenso gibt es die großen Discountketten auch im Ausland.

Trotzdem ist es nicht immer so einfach und manchmal ist der nächste Supermarkt weiter weg vom Fluss als man denkt.

So kann es vor allem im osteuropäischen Ausland sowie Spanien, Portugal und Griechenland passieren, dass man auf gut Glück losläuft, da man von Einheimischen gehört habe, dass dort später der Brotwagen an der fünften Kreuzung links in dem Ort um 12:10 Uhr anhält (stimmt nur bedingt).

So kam es auch schon mal vor, dass man wegen zu wenig vorhandenem Essen in ein Dorf zum Bäcker geht und diesen gefühlt leer kauft. Damals in Portugal hatte der Bäcker leider nur morgens offen und sonst war in dem Dorf eher wenig los. Renate berichtete den wenigen Menschen in dem Dorf über die Kanu-AG und dass sie was zu essen bräuchten. Eine Frau brachte ein halbes Brot und dies hatten dann mehrere aus dem Dorf getan. Es wurde so viel gegeben, dass alle gut auskamen. Das biblische Gleichnis korrespondierte mit der Realität, die von den Dorfbewohnerinnen geschaffen wurde.

Interessanterweise trifft die Kanu-AG immer wieder auf Gastfreundschaft. So wurden wir oftmals mitgenommen, durften bei Bauern auf Wiesen und in Scheunen übernachten oder unsere Einkäufe wurden mehrere Kilometer zum Fluss zurückgebracht. Ebenso ist die Gastfreundschaft vor allem beim Wasserholen zu merken. Wenn man sich teilweise mit Händen und Füßen verständigen muss, damit man endlich wieder Frischwasser bekommt. Naja – ein Akt der Völkerverständigung.

Gab es Antiaktionen oder Heldentaten?

Antiaktionen sind Sachen die unnötigerweise erledigt wurden, um sie danach zu verbessern. Unnötig ist eigentlich nicht ganz das richtige Wort, da die Aktionen ja einen Sinn ergeben.

So hatte Thorsten Block nach dem Aufbau der Zelte ein Plateau entdeckt von dem die Aussicht deutlich besser war. So wurden alle Sachen abgebaut und nach oben getragen um eine bessere Aussicht genießen zu können. Genialer Einfall, wat?!

Ebenso wurden und werden regelmäßig die Boote nach dem Rausziehen zunächst hingelegt und später doch noch nach Farbe sortiert. An der Diemel wurde einmal ein Autoschlüssel versenkt, da dieser oben in der Tonne lag. Natürlich brachte ein Vater aus Dorsten den 2. Schlüssel zur Ausstiegsstelle.

Wie ist das mit den vergessenen Sachen?

Natürlich vergessen wir auch schon einmal Sachen. Die vergessenen Paddel, deren Fehlen kurz vor der Autobahnauffahrt auffallen sind dabei das geringste Übel. Aber wenn man kurz vor Paderborn an der Lippe keine Jurtenstangen hat, wird es schwierig. So mussten zwei Personen nochmal 4 Stunden hin und her fahren, damit in der Jurte geschlafen werden konnte. Leider war es kein Wetter (nach Ansicht der verweichlichten Mehrheit) zum draußen Schlafen.

Was war die längste Stromschnelle?

Die längste Stromschnelle mit circa 23 Kilometern gab es 1988 in Norwegen, ein bewegendes Highlight, kaum Zeit zum Fotografieren.

Kann man in Venedig Kanu fahren?

Na klar! Es ist schon spannend, durch die etwas stark riechenden Kanäle Venedigs zu fahren. Auf jedem Touri-Bild ist man ein Highlight. Natürlich muss man auf dem Canale Grande tierisch auf große Schiffe, Wassertaxen und Wasserbusse aufpassen. Trotzdem ist es ein einzigartiges Erlebnis. Leider wird es immer schwieriger die Boote hinein- und hinauszusetzen, da mittlerweile die Polizei die Leute verscheucht. Dennoch riskiert man es. Früher war bekanntlich alles schlechter, heute gilt Sicherheit vor Abenteuer, fast überall.

Mit wie vielen Personen kann man auf eine privat organisierte Kanutour fahren?

63 Personen! Manchmal nehmen Planungen eigenartige Ausmaße an.

Für die Tour auf der belgischen Ourthe hatten sich bereits viele aus der Kanu- AG-angemeldet! Und dann wurde es zum Selbstläufer. Bekannte aus Berlin kamen spontan mit ihren eigenen Booten angereist. Da viele Kanuten*innen es weitererzählten, wurden es immer mehr die mitkommen wollten. Wolfgang konnte niemandem absagen, und so wurden es mehr und mehr. Am Ende wurde nur noch ein Treffpunkt bekannt gegeben. Kurz vor der Abreise wurde Wolfgang in Alt-Wulfen angesprochen wohin es gehen würde, natürlich kamen diese Personen auch noch spontan mit.

Einziger Wehmutstropfen : der Ein- sowie der Ausstieg dauerten eine Ewigkeit. Wer sich in Geduld übt, wird belohnt durch die Abendsonne am Fluss.

Fabian Unger, Renate und Wolfgang Hacke


Siehe auch


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