Auf dem Weg zur inklusiven Schule
Auf dem Weg zur inklusiven Schule, zur Schule des Gemeinsamen Lernens
In den Jahren vor der Einführung des Gemeinsamen Unterrichts an der Gesamtschule Wulfen gab es im Kollegium lebhafte Diskussionen. Die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten, Ungewohnten stellte viele Kolleg*innen vor ungeahnte Herausforderungen. Zahlreiche Konferenzen, Einführungsveranstaltungen, Gesprächskreise versuchten, Ängste abzubauen und aufzuklären. Einige Kolleg*innen fuhren zu Gesamtschulen, die schon einige Jahre Erfahrungen mit Integrationsklassen gemacht hatten. Sie konnten dort in mehreren Klassen hospitieren und mit Kolleg*innen Gespräche über ihre Erfahrungen im Unterricht, ihre Arbeitsbelastung durch den Gemeinsamen Unterricht, ihre Erfolge und auch Misserfolge und über die Grenzen der Inklusion sprechen.
Dennoch, trotz der Aufklärung darüber, dass alle Schüler*innen, für die Förderbedarf ausgewiesen war, nach ihren individuellen Lehr- und Förderplänen unterrichtet werden sollten, gab es Verständnisschwierigkeiten. So bemerkte z.B. ein Kollege: „Wie soll ich denn einem geistig Behinderten den Satz des Cavalieri beibringen!?“
Diese Barriere im Kopf musste überwunden werden, und das war für viele Kolleg*innen nicht leicht. Anschauung und einfachere Sprache könnten ein Mittel sein, auch einem Schüler mit Förderbedarf diesen mathematischen Lehrsatz zu vermitteln. Aber ob das überhaupt nötig ist, hängt vom individuellen Lehrplan dieses Schülers ab.
Die Zweifel und Ängste waren so groß, dass die Lehrerkonferenz die Einrichtung einer Integrationsklasse ablehnte. Die Lehrer und Eltern der Schulkonferenz votierten aber für die Einführung des Gemeinsamen Unterrichts an der Gesamtschule Wulfen. Eine schwierige Situation, die das Demokratieverständnis der Schulgemeinde stark auf die Probe stellte. Den aufgebrachten Kolleg*innen wurde dann zugesichert, nicht in Integrationsklassen eingesetzt zu werden, wenn sie dieses nicht wünschten.
Im August 1994 startete die erste I-Klasse. In der Folgezeit zeigte sich, dass Ängste und Vorurteile überwunden werden konnten, bei einigen Kolleg*innen schneller als bei anderen. Die neuen Schüler*innen trugen einen großen Teil dazu bei.
Integrationsklassen mit 4 bis 6 Schüler*innen mit Förderbedarf, Unterstützung durch Sonderschullehrer*innen im Klassenteam, nach der 10-jährigen Schulversuchsphase mit ständigen Berichten an das Schulministerium hatten sich die meisten Wogen geglättet und die Vorbehalte gegenüber den Integrationsklassen wurden Geschichte.
Von der Notwendigkeit, Unterrichtsgegenstände differenziert darzustellen, auch mal mehr zu veranschaulichen oder aus einer anderen Perspektive zu betrachten, profitierten auch Schüler*innen ohne ausgewiesenen Förderbedarf vom Unterricht in den Integrationsklassen. Nachgewiesen wurde, dass die Abschlüsse in den I-Klassen stets zu den besten des jeweiligen Jahrgangs gehörten.
Leider veränderten sich die Arbeitsbedingungen nach der Schulversuchsphase. Die Schüler- Lehrer-Relation verschlechterte sich. Geschick und Kreativität beim Unterrichtseinsatz waren gefragt, um weiterhin gute Inklusionsarbeit leisten zu können. Die GSW hat viele Protestnoten nach Düsseldorf geschickt. Wir wurden dafür abgemahnt, aber für mich gilt weiterhin, dass guter Unterricht auch vernünftige Bedingungen gebraucht und dafür setzten wir uns ein.
Heute haben sich die Begrifflichkeiten geändert, aus Sonderschullehrer*innen wurden zuerst Förderschullehrer*innen, dann Lehrkräfte für sonderpädagogische Förderung. Aus Schüler*innen mit Lernbehinderung wurden Schüler*innen mit dem Förderschwerpunkt Lernen, aus Sprach- oder Körperbehinderung: Förderschwerpunkt Sprache bzw. motorische Entwicklung, aus Geistiger Behinderung: Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Aus Behinderung ist Förderung der Entwicklung… geworden. Ein anderes Vokabular, vielleicht / hoffentlich eine andere Haltung.
Noch ist die Entwicklung zur inklusiven Schule nicht abgeschlossen. Ich glaube, dass erst dann, wenn die Kategorisierung von Schüler*innen wegfällt, wenn jede Schülerin und jeder Schüler die jeweils beste individuelle Förderung erhält, die sie und ihn bei individuell besten Leistungen unterstützt, erst dann ist Inklusion angekommen.
Die Entscheidung für den Gemeinsamen Unterricht war eine der wichtigsten und wertvollsten Entscheidungen, die ich in meinen 41 Jahren an der Gesamtschule Wulfen unterstützend begleitet habe.
Hildegard Steffens